Eine Person zeigt den fossilen Schädel Kabwe 1.

Der Broken Hill Man: Der 300.000 Jahre alte Mensch von Kabwe

In Kabwe in Sambia entdeckten Bergleute 1921 den Schädel eines Menschen, der vor rund 300.000 Jahren lebte. Nach seiner Fundstelle wurde er zunächst „Broken Hill Man“ genannt, heute ist die Bezeichung „Kabwe 1“ geläufig.

17. Juni 1921: In Broken Hill, einer Bergbaustadt in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien, wird nach Blei und Zink gegraben. In den Höhlen des Bergwerks stoßen Arbeiter auf Knochen – darunter einen außergewöhnlich gut erhaltenen menschlichen Schädel.

Nach Angaben des Natural History Museum entdeckten ein namentlich nicht überlieferter afrikanischer Bergmann und sein Schweizer Kollege Tom Zwigelaar (häufig auch Zwiglaar geschrieben) den Schädel. Dass der Name des afrikanischen Bergmanns nicht überliefert wurde, verweist auf die kolonialen Bedingungen, unter denen der Fund gemacht und wissenschaftlich bekannt wurde.

Tom Zwigelaar hält mit Kabwe 1 in der Broken Hill Mine.
Tom Zwigelaar mit Kabwe 1, auch „Broken Hill Man“ genannt. Historische Aufnahme, digital rekonstruiert. Vorlage: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Die Bergbaugesellschaft übergab das „Broken Hill Skull“ noch 1921 dem British Museum in Großbritannien. Dort beschrieb es der Paläontologe Arthur Smith Woodward als Vertreter einer bis dahin unbekannten Menschenform und gab ihr den Namen Homo rhodesiensis.

Heute ordnen viele Forschende Kabwe 1 stattdessen Homo heidelbergensis zu. Diese Zuordnung ist jedoch nicht unumstritten: Ob die verschiedenen afrikanischen und europäischen Fossilien dieser Zeit tatsächlich zu einer einzigen Art gehören, wird weiter diskutiert.

Wissenschaftliche Sensation

Kabwe 1 war jedenfalls das erste bedeutende, in Afrika entdeckte hominine Fossil und eine wissenschaftliche Sensation, die international für Aufsehen sorgte. Die Tageszeitung Neues Wiener Journal vom 16. November 1921 zitiert die Einschätzung des renommierten Anatomen Grafton Elliot Smith vom University College in London:

„Diese Entdeckung muss zur Überzeugung führen, daß Afrika das Urheim der Menschheit ist.“

Grafton Elliot Smith, Neues Wiener Journal, 16. November 1921

Heute befindet sich Kabwe 1 im National History Museum in London. Wie alt der Mensch von Kabwe tatsächlich war, blieb lange unklar. Der Fund war nicht das Ergebnis einer systematischen archäologischen Ausgrabung. Beim Bergbau gingen geologische Zusammenhänge verloren, die bei der Datierung hätten helfen können. Die ursprüngliche Fundstelle wurde später vollständig abgebaut.

1921 gingen die Forscher von einem Alter von 500.000 Jahren aus. Erst fast hundert Jahre nach der Entdeckung gelang eine genauere Bestimmung. Ein internationales Forschungsteam untersuchte das Fossil selbst und veröffentlichte 2020 in der Fachzeitschrift Nature eine Altersschätzung von 299.000 ± 25.000 Jahren. Damit bekam Kabwe 1 eine neue Position in der Geschichte der Menschheit.

Von Kabwe 1 zu den Anfängen des Menschen

Start bei Kabwe 1 · Nach links: ältere Funde · Nach rechts: jüngere Funde

Vor rund 6 bis 7 Millionen Jahren

Sahelanthropus tchadensis

Toros-Menalla · Tschad

Der Schädel „Toumaï“ gehört zu den ältesten Funden nahe dem Ursprung der menschlichen Entwicklungslinie. Seine genaue Stellung ist umstritten.

Vor rund 6 Millionen Jahren

Orrorin tugenensis

Tugen Hills · Kenia

Teile eines Oberschenkels liefern Hinweise auf eine frühe Form des aufrechten Gangs.

Vor rund 4,4 Millionen Jahren

Ardipithecus ramidus

Aramis · Äthiopien

Das Teilskelett „Ardi“ zeigt Merkmale des aufrechten Gangs und des Kletterns.

Vor rund 3,3 Millionen Jahren

Frühe Steinwerkzeuge

Lomekwi 3 · Kenia

Wer diese besonders alten Steinwerkzeuge herstellte, lässt sich bisher nicht sicher bestimmen.

Vor rund 3,2 Millionen Jahren

Australopithecus afarensis

Hadar · Äthiopien

Das Teilskelett „Lucy“ zeigt, dass frühe Homininen bereits aufrecht gingen.

Vor mindestens 2,6 Millionen Jahren

Oldowan-Werkzeuge

Gona und Ledi-Geraru · Äthiopien

Scharfkantige Steinwerkzeuge sind belegt. Ihre Hersteller lassen sich keiner einzelnen Art sicher zuordnen.

Vor rund 1,8 Millionen Jahren

Homo habilis

Olduvai-Schlucht · Tansania

Aus der Schlucht stammen frühe Fossilien der Gattung Homo, darunter der Schädel OH 24.

Vor rund 1,6 Millionen Jahren

Homo erectus

Nariokotome · Kenia

Der „Turkana Boy“ zählt zu den vollständigsten Skeletten eines frühen Menschen.

Vor rund 609.000 Jahren

Homo heidelbergensis

Mauer · Deutschland

Der Unterkiefer von Mauer ist der namensgebende Fund. Ob auch Kabwe 1 zu dieser Art gehört, wird diskutiert.

Vor rund 335.000 bis 236.000 Jahren

Homo naledi

Rising-Star-Höhle · Südafrika

Diese Menschenform lebte zeitlich überlappend mit frühen Vertretern unserer Art und möglicherweise mit Kabwe 1.

Vor rund 315.000 Jahren

Früher Homo sapiens

Jebel Irhoud · Marokko

Die Fossilien dokumentieren eine frühe Phase der Entwicklung unserer Art in Afrika.

Vor rund 299.000 Jahren

Kabwe 1 · Broken Hill Man

Kabwe · Sambia

Der Schädel wird häufig Homo heidelbergensis zugerechnet. Seine genaue Stellung im menschlichen Stammbaum bleibt umstritten.

Vor rund 40.000 Jahren

Homo neanderthalensis

Feldhofer Höhle · Deutschland

Der 1856 entdeckte Fund aus dem Neandertal gehört zu einer nah mit uns verwandten Menschenform.

Aus Broken Hill wird Kabwe

Wer heute nach Kabwe fährt, kommt nicht an einen abgelegenen archäologischen Fundort. Kabwe ist die Hauptstadt der sambischen Central Province und liegt rund 140 Kilometer nördlich von Lusaka an der Great North Road. Straße und Eisenbahn machten die Stadt zu einem wichtigen Verkehrsknoten zwischen Lusaka und dem Copperbelt.

Entstanden ist das moderne Kabwe mit dem Bergbau. Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts Blei- und Zinkvorkommen erschlossen worden waren, wuchs Broken Hill zu einem bedeutenden Bergbauzentrum. Seinen kolonialen Namen erhielt der Ort nach der gleichnamigen Bergbaustadt im australischen New South Wales. 1966, zwei Jahre nach Sambias Unabhängigkeit, wurde Broken Hill in Kabwe umbenannt. Kabwe ist die Abkürzung von Kabwe ka Mukuba, was so viel wie "Stein des Erzes" bedeutet.

Die Geschichte des Bergbaus ist in Kabwe allerdings keineswegs nur Vergangenheit. Die Blei- und Zinkförderung hinterließ stark kontaminierte Böden. Nach Angaben von UNICEF betrifft die Bleibelastung im Raum Kabwe ungefähr 200.000 Menschen; besonders gefährdet sind Kinder.

Ein von der Weltbank finanziertes Sanierungsprogramm umfasste unter anderem die Sicherung belasteter Flächen sowie Untersuchungen und Behandlungen von Kindern. Auch Schulen wurden in die Maßnahmen einbezogen.

So verbindet ausgerechnet der Bergbau zwei sehr unterschiedliche Geschichten der Stadt: Er brachte Kabwe einen der bedeutendsten paläoanthropologischen Funde des Kontinents – und hinterließ zugleich ein schweres ökologisches Erbe.

Auf den Spuren von Kabwe 1

Von jener Höhle, in der der Schädel 1921 lag, ist heute nichts mehr übrig. Der Bergbau hat die ursprüngliche Fundstelle zerstört. Wer nach Kabwe 1 sucht, muss deshalb an anderen Orten beginnen.

Vor dem Civic Centre erinnert ein Denkmal an den Fund. Dort sind eine Büste und eine Nachbildung des Schädels zu sehen. Die Stadt versteht den Broken Hill Man als Teil ihres kulturellen Erbes.

Wer Kabwe nur als Zwischenstopp auf der Fahrt zwischen Lusaka und dem Copperbelt betrachtet, kann diese Geschichte leicht übersehen.

Rückführung nach Sambia wird gefordert

Eine Geschichte bleibt aber unvollendet. Das Original von Kabwe 1 befindet sich mehr als hundert Jahre nach seiner Entdeckung noch immer in Großbritannien.

Sambias National Museums Board setzt sich für seine Rückgabe ein. 2024 bekräftigte die Institution öffentlich ihre Kampagne für die Rückführung des Schädels aus dem Natural History Museum nach Sambia.

Ob und wann das Original in seine Heimat zurückkehrt, ist allerdings offen.

Quellen

Grün et al. (2020), Nature: Dating the skull from Broken Hill, Zambia, and its position in human evolution – wissenschaftliche Studie zur Altersschätzung von 299.000 ± 25.000 Jahren.

Kabwe Municipal Council: Kabwe District Integrated Development Plan und Informationen über Kabwe – Stadtgeschichte, „Big Tree“ und Denkmal am Civic Centre.

National Museums Board of Zambia: Campaign for the Return of the Kabwe Broken Hillman – sambische Forderung nach Rückgabe des Schädels.

Natural History Museum, London: Dating the Broken Hill skull – Entdeckung, wissenschaftliche Einordnung, Datierung und Aufbewahrungsort von Kabwe 1.

Neues Wiener Journal, Wien: Der älteste Totenkopf der Welt, 16. November 1921, Seite 7 – Bericht über die Entdeckungen des "Broken-Hill-Menschen".

UNICEF Zambia: Children’s Local Climate Action in Zambia – Angaben zum Ausmaß der Bleibelastung in Kabwe.

Weltbank: Zambia Mining and Environmental Remediation and Improvement Project – Ziele und Maßnahmen des Sanierungsprogramms.

Wissenschaftliche Untersuchung zur Zahngesundheit: The oral pathological conditions of the Broken Hill (Kabwe) 1 cranium – Befunde zu Karies und weiteren Zahnerkrankungen.

Zambia Tourism: Kabwe und Monuments & Historic Sites – Umbenennung der Stadt, Bergbaugeschichte und Mulungushi Rock.

Titelbild: Kabwe 1 im Natural History Museum in London (Foto: Danita Delimont, Alamy)