Elmina und Cape Coast: Durch die Tür ohne Wiederkehr
An Ghanas Küste erzählen zwei mächtige Festungen von Gold, Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel. Elmina und Cape Coast sind heute wichtige Erinnerungsorte – und mit der „Door of Return“ auch zu Symbolen der Rückkehr für die afrikanische Diaspora geworden.
Schon von weitem leuchtet Elmina Castle weiß über der Küste. Direkt darunter herrscht geschäftiges Treiben. Bunt bemalte Fischerboote liegen in der Lagune, Netze werden an Land gebracht, Fisch wird verkauft. Elmina ist eine lebendige Küstenstadt – und zugleich ein Ort, dessen Geschichte weit über Ghana hinausreicht.
Die Festung über dem Hafen ist ein besonders sichtbares Zeugnis dieser Geschichte. Die Portugiesen errichteten São Jorge da Mina, heute St. George’s Castle oder Elmina Castle genannt, 1482. Damit gehört die Anlage zu den ältesten erhaltenen europäischen Bauwerken südlich der Sahara.

Zunächst ging es vor allem um Gold. Später wurde Elmina zu einem wichtigen Ort des transatlantischen Sklavenhandels. Gemeinsam mit Cape Coast Castle und weiteren Festungen entlang der Küste gehört Elmina seit 1979 zum UNESCO-Welterbe.
Wer die beiden Festungen besucht, besichtigt deshalb keine gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten. Ihre Verliese und Innenhöfe erinnern an ein brutales Handelssystem, in dem Menschen gefangen gehalten und über den Atlantik verschleppt wurden.
Elmina: Gold, Sklavenhandel und Kolonialgeschichte
1637 eroberten die Niederländer Elmina von den Portugiesen. Unter ihrer Herrschaft gewann der Handel mit versklavten Menschen zunehmend an Bedeutung. Räume innerhalb der Festung dienten als Verliese, in denen Männer und Frauen unter unmenschlichen Bedingungen auf ihre Verschleppung warteten.
Bei einer Führung wird der räumliche Gegensatz besonders deutlich. In den oberen Stockwerken wohnten und arbeiteten europäische Händler und Beamte. Von dort reicht der Blick weit über den Atlantik. Nur wenige Meter darunter waren Menschen in dunklen Verliesen eingesperrt.
Am Ende ihres Aufenthalts in der Festung führte ihr Weg durch eine kleine Öffnung zum Meer: die „Door of No Return“, die Tür ohne Wiederkehr. Von hier wurden die Gefangenen zu Booten gebracht und anschließend auf die vor der Küste wartenden Schiffe. Für viele war es der letzte Blick auf die afrikanische Küste.

Heute führt derselbe Weg Besucher*innen durch die Festung. Das Wissen darum verändert die Wahrnehmung des Ortes. Der Atlantik, der von den Mauern Elminas so friedlich erscheint, war Teil einer Route, auf der Millionen Menschen gewaltsam aus West- und Zentralafrika verschleppt wurden.
Klaus Kinski als Sklavenhändler in Elmina
Filmfans dürfte Elmina Castle möglicherweise bekannt vorkommen. 1987 wurde die Festung zu einem Schauplatz von Werner Herzogs Film „Cobra Verde“.
Klaus Kinski spielt darin Francisco Manoel da Silva, einen brasilianischen Banditen, der als Sklavenhändler nach Westafrika geschickt wird. Die Geschichte basiert lose auf Bruce Chatwins Roman „The Viceroy of Ouidah“, der wiederum vom brasilianischen Sklavenhändler Francisco Félix de Sousa inspiriert wurde.
Die Handlung führt in das historische Königreich Dahomey im Gebiet des heutigen Benin. Gedreht wurde jedoch unter anderem in Ghana. Elmina Castle bildete dabei eine eindrucksvolle Kulisse.

„Cobra Verde“ war der letzte gemeinsame Spielfilm von Werner Herzog und Klaus Kinski. Wer den Film kennt, entdeckt bei einem Besuch in Elmina manche Perspektive wieder. Vor Ort wird zugleich deutlich, wo der Vergleich mit einer Filmkulisse endet: Die Mauern, Verliese und Tore waren tatsächlich Teil des Systems, von dem der Film erzählt.
Cape Coast: Ein Zentrum des britischen Sklavenhandels
Nur rund zwölf Kilometer östlich liegt Cape Coast. Die heutige Hauptstadt der Central Region war einst ein wichtiges Zentrum der britischen Kolonialherrschaft an der damaligen Goldküste.
Auch Cape Coast Castle liegt unmittelbar am Atlantik. Die Anlage entwickelte sich im 17. Jahrhundert aus einem europäischen Handelsstützpunkt. Nach mehreren Besitzerwechseln kam sie unter britische Kontrolle und wurde zu einem wichtigen Zentrum des britischen Sklavenhandels an der westafrikanischen Küste.

Heute befindet sich in der Festung ein Museum. Führungen führen durch Innenhöfe und ehemalige Verwaltungsräume hinunter in die Verliese. Dort warteten gefangene Männer und Frauen auf ihre Verschleppung über den Atlantik.
Auch in Cape Coast endete dieser Weg an einer „Door of No Return“. Doch hier hat die Tür inzwischen noch eine zweite Bedeutung erhalten.
Wenn aus der „Door of No Return“ eine „Door of Return“ wird
Wer heute von der Meerseite auf die historische Tür von Cape Coast Castle blickt, liest darauf nicht „Door of No Return“, sondern „Door of Return“. Aus der Tür ohne Wiederkehr wurde symbolisch eine Tür der Rückkehr.
Diese Umdeutung wurde 1998 besonders sichtbar, als Ghana erstmals den Emancipation Day beging. Die sterblichen Überreste zweier Menschen aus der afrikanischen Diaspora wurden aus den USA und Jamaika nach Ghana gebracht und symbolisch durch die Tür von Cape Coast Castle zurückgetragen. Anschließend wurden sie in Assin Manso beigesetzt.
Für viele Besucher*innen aus der afrikanischen Diaspora besitzt Cape Coast Castle eine besondere Bedeutung. Wo Menschen einst gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen mussten, können ihre Nachfahr*innen heute den Weg in umgekehrter Richtung gehen.
Michelle Obama und die Rückkehr durch das Tor
Wie persönlich diese Verbindung sein kann, zeigte der Besuch der Familie Obama am 11. Juli 2009. US-Präsident Barack Obama besuchte Cape Coast Castle gemeinsam mit seiner Frau Michelle, den Töchtern Malia und Sasha sowie Michelle Obamas Mutter Marian Robinson. Die Familie ging durch die Verliese und durch die historische „Door of No Return“.
Für Michelle Obama besaß der Besuch eine besondere biografische Dimension. Ihre Familiengeschichte reicht in die Zeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten zurück. Damit wurde in Cape Coast jene Verbindung zwischen Westafrika und afroamerikanischer Geschichte sichtbar, für die die Festung heute steht.
Barack Obama sprach nach dem Rundgang von einem Ort tiefer Trauer. Besonders eindrücklich sei für ihn gewesen, die Festung gemeinsam mit seinen Kindern zu besuchen.

Zehn Jahre später rückte Ghana die Verbindung zur Diaspora noch stärker ins Zentrum. 2019 erklärte das Land zum „Year of Return“ und lud Menschen der afrikanischen Diaspora ein, Ghana zu besuchen und sich mit Geschichte, Herkunft und den Verbindungen über den Atlantik auseinanderzusetzen.
Cape Coast und Elmina sind deshalb für manche Besucher*innen nicht einfach Stationen einer Ghana-Reise. Sie sind Orte der Erinnerung und persönlichen Spurensuche.
Elmina und Cape Coast: Leben vor den Festungsmauern
Die Geschichte der Festungen prägt beide Orte. Doch Elmina und Cape Coast sind zugleich lebendige ghanaische Städte.
Vor Elmina Castle drängen sich in der Benya-Lagune bunt bemalte Fischerboote. Fische werden ausgeladen, Netze sortiert und Waren weitertransportiert. Von Fort St. Jago auf der gegenüberliegenden Anhöhe reicht der Blick über den Hafen, die Festung und den Atlantik.

Auch vom Cape Coast Castle aus fällt der Blick auf das Leben vor den Festungsmauern: Dicht an dicht liegen bunt bemalte Fischerboote am Ufer. Dahinter ziehen sich die Häuser von Cape Coast entlang der felsigen Küste. Die Stadt ist heute Verwaltungs- und Bildungszentrum und Sitz einer großen Universität.
Zeit für die Geschichte nehmen
Von Ghanas Hauptstadt Accra aus werden Elmina und Cape Coast häufig als Tagesausflug angeboten. Die Entfernung macht das grundsätzlich möglich. Wer beide Festungen besuchen möchte, sollte sich dennoch mehr Zeit nehmen und zumindest eine Nacht in Cape Coast oder Elmina verbringen.
Dann bleibt auch Raum für einen Spaziergang durch die Städte. Vor allem aber kann ein Besuch der Verliese emotional belastend sein. Die Dimension des transatlantischen Sklavenhandels ist aus Geschichtsbüchern bekannt. In Cape Coast und Elmina bekommt diese Geschichte Räume, Mauern und Türen.
Man steigt die Treppen hinunter. Man steht in den dunklen Kammern. Und schließlich gelangt man an den Atlantik – zu jener schmalen Tür, durch die Menschen einst gegen ihren Willen die afrikanische Küste verließen.
In Cape Coast trägt diese Tür auf ihrer anderen Seite heute einen neuen Namen: Door of Return. Die Geschichte lässt sich nicht umkehren. Doch aus einem Ort des erzwungenen Abschieds ist auch ein Ort der Erinnerung und Rückkehr geworden.
Titelbild: Fischer mit ihren Booten im Hafen von Elmina, im Hintergrund steht das Elmina Castle. Foto: Lina Badeka / Shutterstock.com
